Hinter der kleinen Krabbe steckt eine Fischerei, die sich in den vergangenen Jahren intensiv weiterentwickelt hat. Viele Verbesserungen wurden Schritt für Schritt umgesetzt, wissenschaftlich begleitet und regelmäßig überprüft.
Nachhaltigkeit ist kein Endpunkt – sondern ein Prozess
Der MSC-Standard unterscheidet bewusst zwischen solider Nachhaltigkeit und internationaler Best Practice. Genau dort setzen sogenannte Zertifizierungsauflagen an: Sie verpflichten Fischereien dazu auch nach einer erfolgreichen MSC-Zertifizierung, sich weiter zu verbessern. Mehr als 90 Prozent aller MSC-zertifizierten Fischereien weltweit erhalten solche Auflagen.
Auch die Nordsee-Krabbenfischerei bekam bei ihrer MSC-Zertifizierung im Jahr 2017 sieben konkrete Auflagen. Sie betrafen unter anderem Fangbegrenzungen, den Schutz empfindlicher Lebensräume, bessere Datenerhebung, unabhängige Kontrollen und strengere Sanktionen. 2024 hatten die Krabbenfischerei alle Auflagen erfüllt.
Heute ist die Fischerei ohne weitere Verbesserungsauflagen zertifiziert – ein bemerkenswerter Schritt für eine internationale Fischerei mit Beteiligten aus Deutschland, den Niederlanden und Dänemark.
Holländischer Krabbenkutter
Weniger Druck auf den Bestand
Besonders viel getan wurde für den langfristigen Erhalt des Krabbenbestandes und Maßnahmen umgesetzt, die zum Ziel hatten, weniger kleine Krabben zu fangen, die noch nicht ihre optimale Größe erreicht hatten. Konkret gehörte dazu:
- Die Maschenweiten der Netze wurden schrittweise vergrößert.
- Fangzeiten wurden reduziert.
- Wochenendschließungen, Winterpausen und Stillstandzeiten wurden eingeführt.
Der gesamte Fischereiaufwand wurde begrenzt.
Besonders spannend: Die Fischerei arbeitet inzwischen mit einem datenbasierten Frühwarnsystem. Entscheidend ist dabei der sogenannte „Einheitsfang“, also wie viele Krabben pro Stunde auf See gefangen werden. Sinken diese Werte zu stark, greifen automatisch Schutzmaßnahmen. 2023 bedeutete das zeitweise deutliche Beschränkungen der Stunden auf See.
Grundschleppnetz eines umweltverträglich arbeitenden Krabbenkutters
Forschung direkt auf See
Die Fischerei arbeitete eng mit Forschungseinrichtungen wie der Universität Hamburg, dem Thünen-Institut, DTU Aqua und Wageningen Marine Research zusammen.
Gemeinsam wurde untersucht:
- wie größere Maschenweiten wirken,
- wie sich Beifang reduzieren lässt,
- wie Netze selektiver werden,
- und wie sich die Fischerei auf den Meeresboden auswirkt.
Im Forschungsprojekt „CRANImpact“ wurde über mehrere Jahre analysiert, wie sich die Krabbenfischerei auf benthische Lebensräume – also den Lebensraum am Meeresboden – auswirkt.
Das Ergebnis zeigte: In befischten Gebieten unterschied sich die biologische Vielfalt nicht signifikant von unbefischten Bereichen. Zwar gibt es kurzfristige Auswirkungen auf den Boden, doch die dort lebenden Organismen sind an natürliche Veränderungen angepasst und regenerieren sich vergleichsweise schnell.
Mehr Transparenz auf See
Auch bei Kontrollen und Datenerhebung hat sich viel getan.
Deutschland, die Niederlande und Dänemark nutzen heute ein gemeinsames System zur Datenerfassung. Fangdaten werden elektronisch dokumentiert, Positionsdaten der Schiffe harmonisiert ausgewertet und Karten der Befischungsintensität regelmäßig erstellt.
Dadurch lässt sich heute genauer nachvollziehen:
- wo gefischt wird,
- wie intensiv gefischt wird,
- und ob vom Fischfang ausgenommene Zonen eingehalten werden.
Während des gesamten Zertifizierungszeitraums wurden keine systematischen Verstöße gegen Sperrgebiete festgestellt. Zusätzlich wurden unabhängige Kontrollen massiv ausgebaut. Externe Prüfer kontrollieren inzwischen regelmäßig Schiffe, Siebanlagen und Produzentenorganisationen. Verstöße werden dokumentiert und sanktioniert – bei Wiederholungen deutlich strenger als früher.
Mehr Schutz für gefährdete Arten
Früher fehlten oft einheitliche Daten darüber, wo und wie häufig bestimmte Arten als Beifang auftreten. Heute arbeiten die drei Fangnationen mit gemeinsamen Standards und Datenerhebungsmethoden, die Forschern dabei helfen, Verbreitungsmuster von geschützten und gefährdeten Arten besser zu verstehen. Daraus lassen sich Maßnahmen ableiten, um diese besser zu schützen.
Die Auswertungen zeigen bislang: Interaktionen mit gefährdeten Arten sind in der Krabbenfischerei selten und begrenzt.
Die Sache mit dem Beifang
Ein häufig genannter Kritikpunkt an der Krabbenfischerei ist der Beifang. Tatsächlich gelangen aufgrund der vergleichsweise kleinen Maschen mehr ungewollte Fänge ins Netz als in manchen anderen Fischereien. Für die Bewertung einer Fischerei ist jedoch nicht allein entscheidend, wie viel Beifang anfällt, sondern welche Auswirkungen dieser auf die betroffenen Arten und Ökosysteme hat.
Deshalb arbeitet der MSC-Standard nicht mit festen Grenzwerten für Beifang. Stattdessen wird jede Fischerei individuell bewertet. In der Nordsee-Krabbenfischerei wird der Beifang an Bord mit Wasser gespült, aussortiert und lebend zurück ins Meer gegeben. Zusätzlich wird untersucht, ob die Fischerei die Bestände der betroffenen Arten beeinträchtigt.
Ein Beispiel ist die Scholle: In der Krabbenfischerei werden saisonal viele junge Schollen beigefangen. Die wissenschaftlichen Bewertungen zeigen jedoch, dass sich der Schollenbestand in einem guten Zustand befindet. Entscheidend ist also nicht die Menge des Beifangs allein, sondern ob die Fischerei langfristig negative Auswirkungen auf die betroffenen Populationen hat.
Internationale Zusammenarbeit statt Einzelinteressen
Vielleicht die größte Veränderung liegt aber im Management selbst.
Früher arbeiteten viele Akteure eher nebeneinander. Heute gibt es ein gemeinsames internationales Managementsystem mit festen Entscheidungsstrukturen.
Deutschland, die Niederlande und Dänemark koordinieren ihre Maßnahmen inzwischen gemeinsam, von Fangbegrenzungen über Forschung bis hin zu Sanktionen und Marktfragen.
Nachhaltigkeit braucht Entwicklung
Die Geschichte der Nordsee-Krabbenfischerei zeigt, wie Zertifizierungen wirken können: nicht als reines Label, sondern als Werkzeug für konkrete Veränderungen.
Die Fischerei von heute arbeitet kontrollierter, datenbasierter und transparenter als noch vor wenigen Jahren. Viele Maßnahmen wären ohne die klaren Anforderungen der Zertifizierungsauflagen vermutlich nie in dieser Konsequenz umgesetzt worden.
Die wichtigste Erkenntnis dabei: Nachhaltigkeit entsteht nicht durch Stillstand. Sondern durch die Bereitschaft, sich immer weiter zu verbessern.