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Arten von Überfischung

Überfischung ist nicht gleich Überfischung

Führt Überfischung auf direktem Wege zum Artensterben? Ganz so arg ist es zum Glück nicht. Und doch ist Überfischung eine der größten Bedrohungen für die Meere. Überfischung ist aber nicht gleich Überfischung: Hier erfahren Sie, welche unterschiedlichen Kriterien Wissenschaftler anlegen.

Zwei Formen von Überfischung

Überfischung der Meere. Was so einfach klingt, ist in Wahrheit etwas komplizierter und hat viele wissenschaftliche Referenzwerte zugrunde. Überfischt heißt allerdings nicht ausgestorben. "Dass eine Art wegen Überfischung ausgestorben ist, ist in den letzten hundert Jahren nicht vorgekommen".1

  1. Bei der Wachstumsüberfischung werden die Fische eines Bestands gefangen, wenn sie noch zu klein sind. Wachstumsüberfischung ist aus Ertragssicht suboptimal - denn hätten die Fische mehr Zeit zum Wachsen, wäre der Ertrag zu einem späteren Zeitpunkt größer - aber sie gefährdet den Fischbestand nicht direkt. Ein solcher Bestand wird zwar nicht als überfischt bezeichnet, muss jedoch wieder aufgebaut werden.
  2. Bei der Nachwuchs- oder Rekrutierungsüberfischung entnimmt man einem Bestand mehr Fische, als in den Folgejahren nachwachsen können.
    Eine dauerhafte Rekrutierungsüberfischung kann theoretisch zum Aussterben eines Fischbestands führen. Das ist zwar in der Meeresfischerei noch nie vorgekommen, weil sich Fischerei bei geringen Bestandsgrößen wirtschaftlich nicht lohnt und eingestellt wird - dennoch können die Konsequenzen für Umwelt und Fischerei dramatisch sein.

Problematisch wird Überfischung in beiden Fällen, wenn die Biomasse eines Bestands längerfristig unter dem Ziel-Referenzpunkt BMSY* und die Fangmengen (auch: fischereiliche Sterblichkeit) gleichzeitig über dem Ziel-Referenzwert FMSY* liegen.

Entscheidend in Zusammenhang mit Rekrutierungsüberfischung ist der Wert Blim*: Liegt die Laicherbiomasse eines Bestands unter Blim, ist die Rekrutierung von Jungfischen und damit der Erhalt des Bestands gefährdet.

*Eine gute Übersicht zu den wesentlichen Referenzpunkten bietet ICES, der Internationale Rat für Meeresforschung.

Referenzwerte für die Biomasse von Fischbeständen und die MSC-Zertifizierung

Die maximal nachhaltige Nutzung aller Fischbestände ist eine Zielvorstellung der Weltgemeinschaft, beschlossen 2002 auf dem Nachhaltigkeitsgipfel in Johannesburg. Sie ist auch Ziel der Gemeinsamen Fischereipolitik der EU.

Die oftmals von Medien oder TV-Dokumentationen verwendeten Formulierungen "bis an die Grenzen befischt" oder gar "90 Prozent der Meere sind überfischt" sind irreführende und unsachliche Zuspitzungen. Heute werden knapp 65% der weltweiten Fischbestände innerhalb nachhaltiger Grenzen befischt. Darunter fallen alle Bestände, die maximal nachhaltig befischt werden (ca. 42%) und solche, die Spielraum für stärkere Befischung zulassen (ca. 23%)

Wenn ein Fischbestand nachhaltig genutzt wird, befinden sich Entnahme und Wiederauffüllung im Gleichgewicht und wird im wissenschaftlichen Kontext als das Konzept des maximalen nachhaltigen Dauerertrags (englisch: Maximum Sustainable Yield, MSY) bezeichnet. Es zielt darauf ab, auf lange Sicht den höchsten Ertrag aus einem Bestand zu erzielen und gleichzeitig produktive Fischbestände zu erhalten. 

Das Problem der Überfischung kann mit gutem Fischereimanagement, das staatlichen und regionalen Vorgaben folgt, erfolgreich begegnet werden. 

Dabei können unterschiedliche Maßnahmen aus dem Werkzeugkasten des Fischereimanagements zusammenspielen, wie zum Beispiel Fangquoten, Vorgaben für die Maschenweiten, fischereiliche Schließungszeiten oder die Einrichtung von Schutzgebieten.

Entscheidend sind zusätzlich effektive Kontrollmechanismen, die die Überwachung und Einhaltung aller beschlossenen Maßnahmen sicherstellen. 

Die Basis für gutes Fischereimanagement sind wissenschaftliche Daten.

1Dr. Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in: https://www.salonkolumnisten.com/mythenjagd-5-die-meere-sind-ueberfischt/

Bernreuther M, 2019, Überfischung: Ursachen – Hintergründe – Maßnahmen. Ernährung im Fokus 02/2019, S. 86-91, https://www.ble-medienservice.de/lpdownload.php?articleId=1267&articleNo=5982&articleUrl=https%3A%2F%2Fwww.ble-medienservice.de%2Fmedia%2Fpdf%2F01%2F99%2F11%2F5982_1718_leseprobe.pdf

Kraus, G. & Kempf, A. (2017): Überfischung - ein einfaches Wort mit kompliziertem Inhalt, in: Wissenschaft erleben, 01/2017, S. 1. 

http://www.thuenen.de/media/publikationen/wissenschaft-erleben/wissenschaft_erleben_2017-1.pdf