Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat ihren neuesten Bericht zu Fischerei, Aquakultur und zum Zustand der weltweiten Fischbestände veröffentlicht. Noch genauer und umfassender als frühere Berichte zeigt die Publikation vom Juni 2026 neueste Daten zu Überfischung, nachhaltiger Bewirtschaftung der Fischbestände und der entscheidenden Rolle von Fisch und Meeresfrüchten für die Ernährungssicherheit und den Lebensunterhalt von Millionen Menschen.
Er deckt eine eklatante Kluft zwischen regulierten Fischereien, die gesunde Bestände befischen, und solchen auf, bei denen dies nicht der Fall ist. Ein deutlicher Beweis dafür, dass ökologisch nachhaltiges Management funktioniert, aber nicht flächendeckend umgesetzt wird.
Wir zeigen die fünf wichtigsten Kernaussagen aus dem umfassenden Bericht 2026.
1. Das Problem der Überfischung bleibt bestehen (aber es gibt nicht nur schlechte Nachrichten)
Überfischung hat zugenommen und bleibt weiterhin ein ernstes Problem. Der Anteil der Bestände, die innerhalb biologisch nachhaltiger Grenzen befischt werden, ist um etwas mehr als 2 Prozentpunkte auf 62,4% gegenüber 64,5% im vorangegangenen Bericht vor zwei Jahren gesunken.
Die Zahlen im Bericht spiegeln langfristige Trends wider und zeigen zum Teil auch Änderungen der FAO in ihrer methodologischen Vorgehensweise, auch umfassen die Daten mehr Fischbestände.
Wichtig ist, dass gemessen am Gewicht 72,6% der Anlandungen aus biologisch nachhaltigen Beständen stammen. Dieser Anteil ist höher als die 62,4%, die sich auf die Gesamtanzahl aller bewerteten Bestände beziehen. Der Unterschied deutet darauf hin, dass größere und reproduktivere Bestände tendenziell besser bewirtschaftet und nachhaltig befischt werden.
Rupert Howes, Geschäftsführer des MSC, sagt: „Es ist ermutigend, dass trotz der Zunahme überfischter Bestände bereits fast drei Viertel der weltweiten Fischanlandungen aus gut bewirtschafteten, biologisch nachhaltigen Beständen stammen – ein sehenswertes Zeugnis dafür, was verantwortungsvolles Fischereimanagement in großem Maßstab bewirken kann.“
Muschelfischer in Ben Tre, Vietnam
2. Wissenschaftsbasierte nachhaltige Bewirtschaftungssysteme zeigen Wirkung
Der Bericht stellte Unterschiede zwischen Regionen und Artengruppen hinsichtlich des Anteils der Bestände fest, die innerhalb biologisch nachhaltiger Grenzen befischt werden. Diese Unterschiede spiegeln wider, inwieweit wissenschaftsbasiertes Management und Bewirtschaftungsstrategien umgesetzt wurden.
Regionen oder Artengruppen, in denen tendenziell weniger Bestände als biologisch nachhaltigen Beständen kommen, weisen in der Regel auch einen höheren Fischereidruck und schlechteres Management auf.
„Dies steht im Einklang mit langjährigen Erkenntnissen der Fischereiwissenschaft, wonach ein wirksames Fischereimanagement in der Regel zu einem besseren Bestandszustand oder zur Erholung der Bestände führt“, sagt Michael Melnychuk, leitender Wissenschaftler (Datenwissenschaft) beim MSC.
In den antarktischen Gebieten beispielsweise gelten alle 15 überwachten Bestände als biologisch nachhaltig. Demgegenüber wiesen das Mittelmeer und das Schwarze Meer den geringsten Anteil an gesunden Beständen auf (58 von 127 Beständen, 45,7%). Der Bericht zeigt, dass Nachhaltigkeit mit gutem Management zusammenhängen.
Michael Marriott, MSC-Programmdirektor für AMESA (Afrika, Naher Osten und Südasien), fügt hinzu: „Wenn Fischereien reguliert und kontrolliert werden, weisen ihre befischten Bestände gesündere Größen auf, doch bei mangelnden Maßnahmen für die Fangaktivität leiden die Bestände. Die Daten zeigen uns, dass gutes Fischereimanagement funktioniert, aber nicht flächendeckend angewendet wird.“
3. Fisch und Meeresfrüchte holen gegenüber Fleisch auf und spielen zunehmend eine Schlüsselrolle in der weltweiten menschlichen Ernährung
Noch nie wurden weltweit so viele aquatische Lebensmittel – Blue Foods – produziert. Im Jahr 2024:
- Fischerei und Aquakultur produzieren 235 Millionen Tonnen Seafood wie Fisch, Weichtiere und Krebstiere.
- Diese Lebensmittel decken mittlerweile mindestens ein Fünftel des tierischen Proteinkonsums von 3,1 Milliarden Menschen.
- Der Handelswert von Fisch und Meeresfrüchten beläuft sich auf 184 Milliarden US-Dollar und steht damit dem Handel mit Fleisch von Landtieren in nichts nach.
„Die weltweite Produktion in Fischerei und Aquakultur steht auf einem Rekordhoch, doch Fischbestände ökologisch nachhaltig zu befischen bleibt eine große Herausforderung.“
FAO-Weltfischereibericht 2026.
Iberische Sardinenfischer beim Heraufholen des Fangs
Im Gegensatz zur Fleischproduktion kann Fischerei jedoch nicht einfach ausgeweitet werden, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Da die globale Fangmenge weitgehend konstant bleibt – sie schwankt seit Ende der 1980er Jahre zwischen 86 und 94 Millionen Tonnen –, wird das künftige Wachstum davon abhängen, dass die befischten Bestände gesund gehalten, illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischerei reduziert und Aquakultur auf umwelt- und sozialverträgliche Weise ausgebaut wird.
Zusammen sind Fischerei und Aquakultur ein wesentlicher Bestandteil der globalen Ernährungssicherheit und spielen eine wichtige Rolle bei der Deckung des Ernährungsbedarfs einer wachsenden Bevölkerung. In dem Bericht heißt es: „Nahrungsmittel aus dem Wasser leisten einen immer wichtigeren Beitrag zur menschlichen Ernährung und liefern essenzielle Mikronährstoffe, Omega-3-Fettsäuren und hochwertige Proteine, die eine gesunde Ernährung unterstützen.“
Der Schutz der Nahrungsressourcen aus dem Meer ist sowohl für die Ernährungssicherheit als auch für die Lebensgrundlagen von mehr als 600 Millionen Menschen von entscheidender Bedeutung – insbesondere in Küstengebieten und Entwicklungsregionen.
4. Der Zustand der Thunfischbestände weltweit ist weiterhin ein Lichtblick
Etwas mehr als 91 Prozent der bewerteten Thunfischbestände sind auf einem biologisch nachhaltigen Niveau – ein Anstieg gegenüber dem vorherigen Bericht –, und mehr als 99% ihrer gesamten Anlandungen stammen aus biologisch nachhaltigen Beständen.
Der Bericht hebt die gemeinsamen weltweiten Bemühungen der regionalen Fischereiorganisationen (RFMOs) für Thunfisch hervor, „vorsorgliche Bewirtschaftungsstrategien anzuwenden, die zu positiven Ergebnissen führen“ – keine leichte Aufgabe, da die weit wandernden Thunfische häufig zwischen nationalen Hoheitsgebieten wechseln.
„Diese effektive Bewirtschaftung führt zu einem verbesserten Bestandszustand, was wiederum zur Folge hat, dass Fänge aus gesunden Beständen kommen“, sagt Bill Holden, Senior Tuna Fisheries Outreach Manager beim MSC. „Die wichtigsten kommerziellen Thunfischbestände wurden von diesen RFMOs bei der Entwicklung von Bewirtschaftungsstrategien priorisiert, aber wir beobachten auch, dass Maßnahmen für andere Arten wie Billfische und Haie entwickelt werden.“
Der Bericht fügt jedoch hinzu: „Für viele kleine Thunfischbestände liegen nach wie vor nur sehr wenige Daten vor, was erhebliche Herausforderungen für die Bewertung und die wirksame Bewirtschaftung durch die Thunfisch-RFMOs mit sich bringt.“
Manuel Barange, stellvertretender Generaldirektor der Welternährungsorganisation (FAO), erklärt: „Um dieses Leistungsniveau auf kleinere Fischereien auszuweiten, bei denen die Kosten für gutes Management proportional höher und die wirtschaftlichen Erträge deutlich geringer sein können, sind innovative und kostengünstigere Ansätze erforderlich, darunter Lösungen zur gemeinsamen Bewirtschaftung.“
Durch eine weltweit verbesserte Bewirtschaftung, insbesondere in Regionen, in denen die Kapazitäten derzeit begrenzt sind, wäre zu erwarten, dass die Fangmengen von 92 auf 95 Millionen Tonnen steigen könnten.
Weißer Thun wird mit Angelrute gefangen
5. Umgang mit unbekannten Klimawandelszenarien
Trotz der Unsicherheit hinsichtlich der Klimarisiken unterstreichen weltweite Studien zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Meeresökosysteme die Relevanz von Anpassungsmaßnahmen und Flexibilität. Diese Berichte fordern Entscheidungsträger nachdrücklich dazu auf, Auswirkungen des Klimawandels in die Planung und Bewirtschaftung ihrer befischten Bestände einzubeziehen.
Für die Fischerei ist die Herausforderung nicht nur ökologischer, sondern auch praktischer Natur, da zunehmend Fischbestände bewirtschaftet werden müssen, die ihre Verbreitungsgebiete wechseln. Veränderungen der Meerestemperatur können mit schlechterer Reproduktion, dem Verbreitungsgebiet und dem Vorkommen bestimmter Arten einhergehen. Unter Szenarien mit hohen Emissionen wird prognostiziert, dass die nutzbare Biomasse an Fisch und Meeresfrüchten bis 2050 in mehreren Regionen um über 10 Prozent zurückgehen wird. Diese Veränderungen bergen die Gefahr, dass Bemühungen zur ökologisch nachhaltigen Befischung untergraben werden, insbesondere dort, wo Bestände Hoheitsgrenzen überschreiten oder in unregulierte Gebiete vordringen.
Manuel Barange ist der Ansicht, dass die Notwendigkeit eines adaptiven Managements klar ist: „Der Klimawandel wirkt sich bereits auf marine Ökosysteme aus, verschiebt die Verbreitung von Arten und führt zu Bestandsschwankungen.“
Regionale Fischereiorganisationen wie die RFMOs, die Länder zur gemeinsamen Befischung von Beständen zusammenbringen und die Zusammenarbeit sowie wissenschaftsbasierte Entscheidungsfindung fördern, werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie können Risiken durch gemeinsame Forschung, Datenaustausch und adaptive, vorsorgliche Ansätze, die die Widerstandsfähigkeit der Fischerei stärken, reduzieren.
In dem Bericht heißt es: „Die Nachhaltigkeit der Fischerei in der Zukunft wird das Ergebnis von Maßnahmen sein, die angemessene Fangmengen festlegen und dabei Veränderungen der Produktivität und des Verbreitungsgebiets von Beständen berücksichtigen. Globale Modelle zeigen, dass sich Biomasseverluste unter globaler Erwärmung teilweise ausgleichen lassen, wenn der Fischereidruck verringert wird und sich die Bestände erholen können – insbesondere bei emissionsarmen Entwicklungspfaden.“