Können Schleppnetze nachhaltig sein?

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Von: Vivien Kudelka

Fisheries and Stakeholder Engagement Manager beim MSC in Berlin


Grundschleppnetze haben einen schlechten Ruf. Durch die MSC-Zertifizierung werden Verbesserungen an der Fangmethode erreicht – zum Schutz der Meere.

Grundschleppnetze sind eine industrielle Fangmethode. Manche Umweltorganisationen kritisieren ihren Einsatz, denn sie können erhebliche Schäden verursachen. Doch für bodennah lebende Fische wie Kabeljau oder Seelachs gibt es aktuell keine alternativen Fangmethoden, die genauso effektiv und selektiv fischen. Langleinen beispielsweise, die manchmal als ökologischere Alternative dargestellt werden, haben weniger Einfluss auf den Meeresboden, können aber hohe Mengen an Beifang verursachen. Der weitaus größte Teil des Meeresfisches auf dem deutschen Markt kommt heute aus Grundschleppnetzfischereien. Und obwohl Grundschleppnetze einen schlechten Ruf haben, können sie verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Wenn eine Grundschleppnetzfischerei freiwillig in das MSC-Programm eintritt, wird oft genau dort angesetzt: wie können die Auswirkungen der Fangmethode auf die Meeresumwelt minimiert werden? So konnten bereits viele wirkungsvolle Veränderungen angestoßen werden, darunter Veränderungen an den Fanggeräten und die Sperrung von großen Meeresgebieten für die Schleppnetzfischerei.

 

Möwen auf dem Meer

 Was sind Schleppnetze?

Unter dem Begriff „Schleppnetz“ werden viele verschiedene Fanggeräte und Techniken zusammengefasst. Durch die verschiedensten Einsatzmöglichkeiten, Gebiete und Zielarten von Schleppnetzen unterscheiden sich auch die Umwelteinflüsse erheblich.

Pelagische Schleppnetze werden durch das freie Wasser gezogen. Sie haben in der Regel keinen Einfluss auf den Meeresboden, weil sie ihn nicht berühren. Grundschleppnetze und Baumkurren sind Schleppnetze, die für den Einsatz am Boden oder in Bodennähe konzipiert sind. Es sind diese Netze, die meistens gemeint sind, wenn negativ über „Schleppnetze“ berichtet wird.

Meistens sind Grundschleppnetze gemeint, wenn negativ über „Schleppnetze“ berichtet wird.

Grundschleppnetze

Grundschleppnetze werden für den Fang von bodennah lebenden Fischen und Meerestieren eingesetzt, z.B. für den Fang von Kabeljau, Seelachs, Nordseekrabben und Plattfischen wie Scholle oder Seezunge. Sie bestehen aus einem trichterförmigen Netzsack und seitlichen Scherbrettern, die zusammen mit Schwimmern am Kopftau den Netzsack offenhalten. Das Netz wird hinter einem Schiff über den Meeresboden gezogen, wobei nur die Scherbretter permanent am Boden sind. Metallketten oder vibrierende Drähte, sogenannte Jager, scheuchen Fische auf, damit sie im Netz landen.

Grundschleppnetz Illustration

Baumkurren

Bei der Baumkurre wird die Öffnung vom Netzsack durch den sogenannten starren Kurrbaum offengehalten. Das Netz wird auf Kufen über den Meeresboden gezogen. Auch die Baumkurre verwendet Scheuchketten, um bodennah lebende Fische aufzuschrecken. In manchen Fischereien, beispielsweise der Krabbenfischerei in der Nordsee, kommt man ohne Scheuchketten aus. Hier rollt das Grundtau auf dicken Gummirollen über den Meeresboden.

 Was für Schäden können Grundschleppnetze anrichten?

Grundschleppnetze und Baumkurren können dem Meeresboden und den auf und in ihm lebenden Organismen erheblichen Schaden zufügen. Besonders empfindlich sind Gebiete mit sessilen Lebewesen, die naturgemäß nicht flüchten können, wie langsam wachsenden Kaltwasserkorallen und Schwammgemeinschaften. Das Thünen-Institut weist aber darauf hin, dass solche Gebiete heutzutage meist sehr gut kartiert und für die Fischerei mit Grundschleppnetzen geschlossen sind.

Auf sandige oder schlammige Böden ohne sessilen Bewuchs, die immer wieder von den Gezeiten aufgewühlt werden, hat die Grundschleppnetzfischerei dagegen nur temporäre Auswirkungen – hier konnten Wissenschaftler bisher keine großen Veränderungen feststellen. Weitere Forschung ist auf jeden Fall nötig.

Die Schleppnetzfischerei wird auch wegen hoher Beifangraten kritisiert. Durch Veränderungen am Fanggerät, wissenschaftliche Forschung zum Verhalten verschiedener Fischspezies und die Verwendung dieser Erkenntnisse für selektiveren Fischfang, haben viele moderne Schleppnetzfischereien aber mittlerweile nur noch geringe Beifangraten.

Die Fischerei mit Grundschleppnetzen in küstenfernen Gebieten (Tiefseefischerei genannt) wird kritisch betrachtet, da sich in den großen Tiefen der Ozeane viele Arten finden, die wegen geringer Wachstumsraten und langsamen Fortpflanzungszeiträumen besonders geschützt werden müssen. Die Europäische Union hat sich aber 2016 bereits auf ein Verbot von Grundschleppschleppnetzen in Tiefseeregionen des Atlantiks geeinigt: Sie dürfen nur noch bis zu einer Tiefe von 800 Metern eingesetzt werden. Damit sind 4,9 Mio. km² für die Grundschleppnetzfischerei gesperrt; das ist mehr als die Fläche der gesamten EU.

Warum zertifiziert der MSC Grundschleppnetzfischereien?

Von einer MSC-zertifizierung sind grundsätzlich keine Fangmethoden ausgeschlossen (warum nicht?), es sei denn, sie sind illegal, wie beispielweise das Fischen mit Gift oder Sprengstoff. Eine Fischerei, die mit Grundschleppnetzen in einem Gebiet fischt, wo dies verboten ist, kann also nicht zertifiziert werden.

In allen anderen Fällen wird im Rahmen der Zertifizierung die Auswirkung der Fischerei und der Fischereimethode auf das gesamte befischte Ökosystem betrachtet. Kann eine Fischerei nachweisen, dass sie trotz des Einsatzes von Grundschleppnetzen geringe Auswirkungen auf das Ökosystem hat und die Bedingungen der Zertifizierung erfüllt, kann sie zertifiziert werden.

Eine Fischerei, die mit Grundschleppnetzen in einem Gebiet fischt, wo dies verboten ist, kann nicht zertifiziert werden.

 

Die Einhaltung der drei Grundprinzipien des Standards wird anhand von mehr als 20 Leistungsindikatoren bewertet. Selbst Fischereien, die die Zertifizierung bestehen, können sich meist noch verbessern. Den Fischereien werden im Rahmen der Zertifizierung sogenannte Zertifizierungsauflagen auferlegt – diese müssen sie innerhalb von fünf Jahren erfüllen, wenn sie ihr Zertifikat behalten wollen. Ob sie tatsächlich darauf hinarbeiten und Fortschritte machen, wird in jährlichen Audits überprüft.

Verbesserungen in der Grundschleppnetzfischerei

Durch das Auflagensystem arbeiten die Fischereien kontinuierlich daran, sich zu verbessern. Diese Auflagen halten die Fischereien beispielsweise dazu an, neue Methoden zu entwickeln, um die Auswirkungen auf die Meeresumwelt weiter zu verringern – auch und vor allem Grundschleppnetzfischereien.

Südafrikanischer Seehecht

MSC-zertifizierte Fischereien zeigen deutlich, wie Veränderungen am Fanggerät und rücksichtsvolles Fischereimanagement die Nachhaltigkeit verbessern können. Zum Beispiel fischt die südafrikanische Seehechtfischerei (Video: South African hake trawl fishery) nur in festgelegten Gebieten und das Fischen auf unberührtem Untergrund ist vollständig verboten. Die Fischerei investiert außerdem in Wissenschaft um besser zu verstehen, wie sich der Meeresgrund von den Folgen der Schleppnetzfischerei erholen kann und entsprechende Maßnahmen abzuleiten.

sputh-african-hake

Neuseeländischer Hoki

In der MSC-zertifizierten neuseeländischen Hokifischerei (New Zealand hoki trawl fishery) ist während der Fortpflanzungszeit von Hoki der Einsatz von Grundschleppnetzen generell verboten. 2007 wurde ein 1,1 Mio. km² großes Gebiet für die Grundschleppnetzfischerei gesperrt.

Norwegischer Kabeljau

Die norwegische Kabeljaufischerei (Norwegian Barents Sea cod fisheries) führt zusammen mit anderen MSC-zertifizierten Fischereien großangelegte Forschungsprojekte durch. Sie kartografieren und überwachen den Meeresboden, um Bestandszahlen und den Zustand des Ökosystems zu dokumentieren. Dazu gehören das MAREANO-Programm und die PINRO-IMR-Kollaboration. In ökologisch gefährdeten Gebieten fischen die Fischereien nicht in Bodennähe und nutzen Grundschleppnetze stattdessen nur in festgelegten „Korridoren“.

Kabeljaufischerei in Lofoten, Norwegen

Niederländische Nordseescholle

Die Ekofish Group aus den Niederlanden setzt für den Fang der Nordseescholle ein sogenanntes Twin Rig ein, das leichter ist als einfache Schleppnetze oder Baumkurren, mit denen Scholle auch gefischt wird. Dadurch wird der Meeresboden weniger stark berührt und auch noch sehr viel Treibstoff gespart. Zusätzlich arbeitet EkoFish mit größeren Maschenweiten als die legal vorgeschriebene Mindestmaschenweite. In die Oberseiten der Netze sind Einsätze aus quadratischen Maschen eingenäht, die sich im Wasser nicht zuziehen. Das reduziert den unerwünschten Beifang von kleineren Fischarten und Jungfischen.

Was kann ich als Verbraucher tun?

Aktuell werden die meisten beliebten deutschen Speisefische wie Kabeljau, Seelachs, Scholle oder Garnelen mit Schleppnetzen gefangen. Möchte man diese Fischsorten nicht komplett vom Speiseplan verbannen, sollte bei diesen bodennahlebenden Arten ganz besonders auf das MSC-Siegel geachtet werden.

Denn wenn eine Fischerei MSC-zertifiziert wird, muss sie ihre Auswirkung auf das Ökosystem überprüfen lassen, egal welche Fangmethode sie einsetzt. Grundschleppnetze haben ein hohes Schadenpotenzial für die Meeresumwelt. Doch Fischereien im MSC-Programm arbeiten kontinuierlich daran, ihre Nachhaltigkeit zu verbessern – unter anderem durch Änderungen am Fanggeschirr und durch die Unterstützung wissenschaftlicher Forschung. Nicht die Fangmethode selbst, sondern der Umgang damit und dessen Auswirkungen unterscheiden nachhaltige von nicht-nachhaltigen Grundschleppnetzfischereien.

 

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