MSC Stellungnahme zur Kritik von Greenpeace 2018

Greenpeace-Kritik: MSC-Zertifikat wird zu früh im Prozess vergeben

MSC-Fischereien werden mit unterschiedlich guten Bewertungen zertifiziert, doch ausnahmslos alle Fischereien müssen die Anforderungen des MSC-Standards erfüllen. Der MSC-Umweltstandard für nachhaltige Fischerei hat den Anspruch, den langfristigen Erhalt von Fischbeständen und Lebensräumen im Meer zu sichern und fußt ausschließlich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Messlatte, die eine vorbildlich und nachhaltig arbeitende Fischerei überspringen muss, um MSC-zertifiziert zu werden, stellt einen breiten wissenschaftlichen Konsens dar, der von über 300 Wissenschaftlern, Umweltschützern und anderen Interessengruppen definiert wurde. Die MSC-Kriterien für nachhaltige Fischerei und das dahinterstehende Zertifizierungsverfahren werden regelmäßig unter Beteiligung dieser Interessengruppen weiterentwickelt.

Jede Fischerei hat Auswirkungen auf den Lebensraum Meer. Auch in einer nachhaltigen Fischerei sollte es Raum für weitere Verbesserungen geben. Wo MSC-zertifizierte Fischereien sich noch verbessern können, werden ihnen Zertifizierungsauflagen gemacht. Erfüllen sie diese nicht im vorgegebenen Zeitraum, so riskieren sie, dass ihnen das MSC-Siegel wieder entzogen wird – zuletzt geschehen bei der argentinischen Sardellenfischerei im Januar 2018. Das übt Druck auf die Fischereien aus weiter an sich zu arbeiten und hat in den vergangenen 20 Jahren zu mehr als 1000 positiven Veränderungen im Bereich Fischbestandsgrößen und Habitatschutz geführt. 

Mit nur 12 Prozent des weltweiten Fangs, der MSC-zertifiziert ist, bewegen wir uns immer noch in einer Nische. Es ist nicht mangelndes Interesse von Fischereiseite, das diesen Prozentsatz so niedrig hält. Viele Fischereien schaffen es einfach nicht. Viele Fischereien durchlaufen bereits vor Eintritt in den offiziellen MSC-Bewertungsprozess eine vertrauliche Vorbewertung, um für sich zu klären, ob eine MSC-Bewertung eine realistische Chance auf Erfolg haben könnte. Die Hälfte aller Fischereien, die zwischen 1997-2014 eine Vorbewertung durchlaufen haben, sind daraufhin nicht im selben Jahr in Vollbewertung gegangen. Viele dieser Fischereien investieren in der Folge in Verbesserungsprojekte, um zu einem späteren Zeitpunkt die MSC-Zertifizierung mit mehr Aufsicht auf Erfolg durchzuführen.

Erfahren Sie mehr über die ökologischen und strukturellen Auswirkungen des MSC-Programms in unseren regelmäßig veröffentlichten Fortschrittsberichten.

Greenpeace-Kritik: Zertifizierung von Fischereien mit zerstörerischen Fangmethoden

Der MSC schließt keine legale Fangmethode pauschal von einer Zertifizierung aus. Jede Fangmethode hat in Abhängigkeit von der naturräumlichen Gegebenheit, in der sie eingesetzt wird, in Abhängigkeit von der individuellen Beschaffenheit des Fanggeräts und in Abhängigkeit von der befischten Art, unterschiedliche Auswirkungen. Im Rahmen einer angestrebten MSC-Zertifizierung wird daher jede Fischerei einer strengen, transparenten und wissenschaftsbasierten Einzelfallprüfung unterzogen, die bis zu zwei Jahre dauern kann. Die MSC-zertifizierte Schollenfischerei in der Nordsee z.B. fängt mit Grundschleppnetzen – ohne negative Folgen für den Meeresboden, da wir hier sandig-lehmige Böden haben, welche durch starken Gezeitengang ständig umgewälzt werden und ein hohes Regenerierungspotenzial haben. Auch alle zertifizierten Muschelfischereien mit Dredgen haben bewiesen, dass ihre Fangmethode zu keinen irreversiblen Schäden am Meeresboden führen.

Viele Fischereien müssen im Kontext ihrer MSC-Zertifizierung wissenschaftliche Untersuchungen anstoßen, um das marine Ökosystem besser zu verstehen und schonen zu können.

Beispiel Alaska Seelachs: Die zertifizierte Alaska-Seelachs-Fischerei gilt als eine der am besten gemanagten Fischereien der Welt. Durch staatliche Beobachter, die jedes Alaska-Seelachs-Schiff begleiten und Hafenkontrollen durchführen, wird die Fischerei streng beobachtet. Die zuständige US-Fischereimanagementbehörde NOAA hat im Sommer 2014 eine umfangreiche Analyse zu den Habitatauswirkungen der Fischerei durchgeführt. Ziel dieser Untersuchung war es zu prüfen, ob und in welchem Maße die Fischerei den Meeresboden und die sogenannten Bering Sea Canyons und womöglich dort befindliche Tiefseekorallen beeinträchtigt. In 300 Gebieten entlang des östlichen Schelfs der Beringsee haben Unterwasserkameras rund 225.000 Unterwasseraufnahmen vom Meeresboden gemacht. Die Ergebnisse der Kamerauntersuchung wurden im Juni 2015 von NOAA veröffentlicht und zeigen, dass die Fischerei keine irreversiblen Schäden hinterlässt. Zu den Ergebnissen der Untersuchung.

Greenpeace-Kritik: Zertifizierung von Fischereien mit hohem Beifang

In Fischereien, bei denen sich gezielt einzelne Arten fangen lassen, etwa Schwarmfische wie Hering und Makrele, funktioniert die Beifangvermeidung sehr gut. Aber oft landen verschiedene Fischarten im Netz. In manchen Fischereien lässt sich Beifang nicht vermeiden, da viele Fischarten nicht in reinen Schwärmen vorkommen, sondern sich mit anderen Arten mischen. Beifang ist ein wichtiger Nachhaltigkeitsaspekt beim MSC. Die Höhe des akzeptablen Beifangs für eine MSC-Zertifizierung ist jedoch von Fischerei zu Fischerei unterschiedlich. K.-O.-Kriterien sind bei der Beurteilung des Beifangs wenig zielführend. Fällt in einer Fischerei zum Beispiel ein Beifang in Höhe von acht Prozent an, so ist dies im weltweiten durchschnittlichen Vergleich ein geringer Beifanganteil. Bestehen diese acht Prozent jedoch aus einer Art, die in dem jeweiligen Gebiet als gefährdet gilt, so können auch acht Prozent schon viel zu viel sein. In einer MSC-Bewertung wird deshalb geprüft, ob die Zusammensetzung und die Menge des anfallenden Beifangs negative Auswirkungen auf die beigefangenen Arten haben. Ist dies der Fall, kann die Fischerei nicht zertifiziert werden. Erfahren Sie mehr in diesem Video.

Unabhängige Experten haben bestätigt, dass die Höhe des Beifangs und die Sterblichkeitsrate von Blauhaien in der MSC-zertifizierten kanadischen Schwertfischfischerei biologisch vollkommen akzeptabel sind und die Gesundheit der nordatlantischen Blauhaipopulation nicht beeinträchtigen. Der Fang von Haien ist bei verschiedenen Akteuren emotional stark belegt. Allerdings spielen bei einer wissenschaftlichen Bewertung einer nachhaltigen Nutzung solch emotionale oder ethische Überlegungen keine Rolle. Blauhaie sind keine gefährdete, bedrohte oder geschützte Art. Der Blauhaibestand im Nordwestatlantik ist in einem sehr guten Zustand und nach aktueller Datenlage wird der Fortbestand der gesunden Blauhaipopulation durch die fischereibedingte Sterblichkeitsrate nicht gefährdet. Alle beigefangenen Blauhaie in der Schwertfischfischerei werden noch im Wasser befreit – was jedoch rund 15% der Tiere nicht überleben. Wissenschaftler gehen von jährlich etwa 4.000 bis 6.000 Haien aus, die so durch die Fischerei ums Leben kommen. Die Behauptung, die Fischerei sei für 35.000 tote Haie verantwortlich, ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Greenpeace-Kritik: Zertifizierung von überfischten Beständen

Das MSC-Siegel wird nur an Fischereien vergeben, die Fischbestände nachhaltig nutzen oder eine Strategie (also z.B. einen Erholungsplan) implementiert haben, die nachweislich dazu beiträgt, dass sich der Bestand schnell erholt. Der MSC-Standard lässt keine Zertifizierung von Fischereien zu, deren Zielartbestände nach internationaler Definition überfischt sind. Zertifizierte Fischereien deren Bestände während der Gültigkeit eines Zertifikates (5 Jahre) in den roten Bereich abrutschen, bekommen das Zertifikat entzogen, zuletzt geschehen in der argentinischen Sardellenfischerei.

Die zertifizierte Seelachsfischerei in der Nordsee z.B. folgt einem langfristigen Managementplan, der dafür Sorge trägt, dass der Bestand in sicheren biologischen Grenzen bleibt. Langfristige Managementpläne sind das Herzstück einer zukunftsfähigen nachhaltigen Fischerei und können Unsicherheiten in wissenschaftlichen Bestandsprognosen und Bestandsschwankungen auffangen. Fischbestände sind nicht statisch. Die Größe von Fischbeständen ist von vielen Faktoren (z.B. Räuber-Beute-Verhältnis, Wassertemperatur etc.) abhängig und schwankt auch ohne Befischung. Die Tatsache, dass ein Bestand zu einem gewissen Zeitpunkt unter seinem Zielreferenzwert liegt, bedeutet also nicht, automatisch, dass er nicht nachhaltig gemanagt wird. Wichtig ist, dass das Fischereimanagement auf solche Schwankungen angemessen reagiert und z.B. Fangmengen senkt. Weitere Informationen zur Entwicklung des Seelachsbestandes in der Nordsee.

Fischerei auf Arten wie Krill, die am unteren Ende des Nahrungsnetzes stehen und Schlüsselpositionen im Ökosystem einnehmen (sogenannte Low Trophic Level Species, LTL), kann starke negative Auswirkungen auf andere Lebewesen und das weitere Ökosystem haben. Dieses Risiko wird im MSC-Bewertungsverfahren und seinen spezifischen LTL-Richtlinien explizit mitberücksichtigt. So dürfen MSC-zertifizierte Fischereien, die LTL Arten fischen, nur einen deutlich reduzierten Fischereidruck aufweisen. Sie müssen unter anderem Zielwerte von 75% unbefischter Biomasse einhalten. Im konkreten Fall der zertifizierten Krillfischerei in der Antarktis wird sogar weniger als 1% der Biomasse durch Fischerei entnommen. Die gesamte Krillbiomasse in der Antarktis wird von Wissenschaftlern auf 62.000.000 Tonnen geschätzt. Die zertifizierte Fischerei fängt ca. 160.000 Tonnen (= 0,027%) der gesamten Krillbiomasse. Die MSC-Bewertung hat bestätigt, dass diese geringe Fangmenge keinerlei negative Auswirkungen auf das marine Ökosystem hat.

Bei den zertifizierten neuseeländischen Granatbarsch-Fischereien hat das zuständige Ministerium für Ressourcennutzung in den vergangenen 20 Jahren erheblich in Forschung und wissenschaftliche Datenerhebung investiert und ein ebenso umsichtiges wie effektives Fischereimanagement implementiert. Strenge Fangmengenregulierungen-, bis hin zu einem temporären Fangverzicht-, und eine gut informierte, wissenschaftsbasierte Bewirtschaftungsstrategie haben dazu geführt, dass zwei der drei befischten Granatbarschbestände heute wieder eine gesunde Bestandsgröße haben und der dritte Bestand sich derzeit im Bestandsaufbau befindet (der Bestand gilt nach international gültigen Definitionen als nicht überfischt!).Alle drei Granatbarsch-Fischereien wurden unter Auflagen zertifiziert, welche eine Überwachung des Bestandsaufbaus (dritter Bestand) und des Einflusses der Fischerei auf örtliche Tiefsee-Korallengebiete sicherstellen und eine externe Kontrolle des Managementsystems garantieren. Lesen Sie mehr über die Nachhaltigkeit der Granatbarschfischerei in dieser Pressemitteilung

Greenpeace-Kritik: Interessenkonflikt mit der Industrie

Der MSC ist eine gemeinnützige Einrichtung, die aus der Zertifizierung von Fischereien keine Gelder erhält. Das MSC-Budget stammt aus Fördermitteln und aus Lizenzgebühren, die Produzenten und Händler für die Nutzung des MSC-Siegels auf MSC-zertifizierten Fischprodukten an den MSC abführen. Die Lizenzgebühren werden vollständig in das MSC-Programm reinvestiert und beispielsweise für die Weiterentwicklung der Standards, für Forschungsarbeiten oder auch für die Unterstützung von Fischereien aus Entwicklungsländern ausgegeben. So hat der MSC einen Fonds (Global Fisheries Sustainability Fund) eingerichtet, der finanzielle Unterstützung für Fischereien in Entwicklungsländern bereitstellt, um ihnen auf dem Weg zu einer MSC-Zertifizierung zu helfen (die madagassische Oktopusfischerei hat mit dieser Förderung z.B. eine wissenschaftliche Bestandsbewertung finanziert). Unsere jährlichen Einnahmen und Ausgaben legen wir offen und transparent dar. Als Zertifizierungsorganisation, die sich die Marktkräfte zu Nutze macht, arbeitet der MSC mit der Industrie zusammen. Unsere Arbeit fußt auf der Tatsache, dass ein wirtschaftlicher Anreiz der wirkungsvollste Hebel für mehr Nachhaltigkeit ist. Fordern Händler und Verarbeiter ein „Nachhaltigkeitszeugnis“ als Voraussetzung für den Bezug von Rohware, sind Fischereien am ehesten bereit, ein so komplexes Unterfangen wie eine MSC-Bewertung über sich ergehen zu lassen und notwendige Veränderungen vorzunehmen.

Greenpeace-Kritik: keine signifikante Anzahl von Fischereien aus Entwicklungsländern zertifiziert

Das Gros der MSC-zertifizierten Fischereien ist in europäischen und nordamerikanischen Gewässern anzutreffen. Zunehmend wurden in den vergangenen Jahren auch Fischereien in anderen Teilen der Welt zertifiziert, darunter die ersten Fischereien aus den beiden großen Fischfangnationen China und Indien. 27 Fischereien aus Schwellen- und Entwicklungsländern sind aktuell MSC-zertifiziert, weitere acht befinden sich in Bewertung.

Viele kleine Fischereien sowie Fischereien aus Entwicklungsländern stehen auf dem Weg zur MSC-Zertifizierung vor besonderen Herausforderungen. Hierzu gehören u.a. ein Mangel an empirischen Daten z.B. über die befischten Bestände, mangelndes Wissen über nachhaltige Fischereipraktiken, institutionelle Schwächen und begrenzte Ressourcen. Um auch diesen Fischereien den Zugang zum MSC-Programm zu ermöglichen, hat der MSC eine Vielzahl von Instrumenten und Maßnahmen entwickelt, um sie bei einer nachhaltigeren Ausgestaltung ihrer Aktivitäten zu unterstützen. Einige Beispiele:

Risk-based framework: Für datenarme Fischereien, also Fischereien, für die es keine ausreichende Datengrundlage, z.B. zur Bestandsgröße der befischten Art oder zu Auswirkungen der Fischerei auf marine Lebensräume gibt, wurde eine alternative Bewertungsmethode entwickelt. In der Praxis bedeutet dieses risikobasierte Rahmenwerk, dass z.B. das Risiko inakzeptabler Auswirkungen auf den befischten Bestand extrem niedrig sein muss, damit datenarme Fischereien zertifiziert werden können.

Finanzielle Unterstützung: Im Juli 2015 hat der MSC den Global Fisheries Sustainability Fund (GFSF) ins Leben gerufen. Mithilfe des Fonds sollen Forschungsvorhaben im Fischereibereich und kleine Fischereien, die sich zertifizieren lassen möchten, unterstützt werden. Um eine Finanzierung bewerben können sich wissenschaftliche Einrichtungen, unabhängige Forscher, Fischereien, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen.

Partnerschaften für nachhaltige Fischerei: Fischereiverbesserungsprojekte benötigen fast immer die Unterstützung vieler Partner wie Nichtregierungsorganisationen, Regierungen, Wissenschaftler, Unternehmen, Geber. Der MSC unterstützt Fischereien dabei, diese Partner zusammenzubringen. Ein speziell entwickelter Leitfaden gibt Hilfestellung für die Zusammenarbeit.

Erfahren Sie mehr darüber, was der MSC tut, um auch kleinen, handwerklichen Fischereien die Teilnahme am MSC-Programm zu ermöglichen.

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