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Die Nordsee-Krabbenfischerei im Wattenmeer

Eine Fischerei im Wandel

Hinter der kleinen Krabbe steckt eine Fischerei, die sich in den vergangenen Jahren Jahren intensiv weiterentwickelt hat. Viele Verbesserungen wurden Schritt für Schritt umgesetzt, wissenschaftlich begleitet und regelmäßig überprüft.

Die Fischerei im Überblick


Art:
Nordseegarnele,
umgangssprachlich Nordseekrabbe (Crangon crangon)

MSC gear type icon

Fanggerät:
Baumkurren

MSC fishery location icon

Fanggebiet:
Nordostatlantik (FAO-Gebiet 27)


Map of country-specific brown shrimp fishing areas in the Waddensea

Nordseekrabben mit MSC-Zertifikat

krabben-spotlight2

Im Dezember 2017 erhielt die Krabbenfischerei aus Deutschland, den Niederlanden und Dänemark nach einer umfassenden Bewertung ihrer Fangaktivitäten auf eine ökologische Nachhaltigkeit, das MSC-Zertifikat. Insgesamt sind 298 Krabbenkutter aus Deutschland, den Niederlanden und Dänemark im MSC-Zertifikat erfasst. Das entspricht rund 95% der gesamten Krabbenfischerei in diesen drei Ländern. Wichtige Voraussetzung für die MSC-Zertifizierung war die Erarbeitung und Implementierung eines gemeinsamen Managementplans, über den die Fischerei erstmals länderübergreifend an gemeinsame Maßnahmen zum Bestandsschutz gebunden war. Die Wirksamkeit des Managementplans musste die Fischerei anschließend nachweisen – dies war eine zentrale Auflage im Rahmen der Zertifizierung.

Nachhaltigkeit ist kein Endpunkt – sondern ein fortwährdender Prozess

Der MSC-Standard unterscheidet bewusst zwischen solider Nachhaltigkeit und internationaler Best Practice. In genau diesem Spannungsbogen setzen die sogenannten Zertifizierungsauflagen des MSC an: Sie verpflichten Fischereien dazu, sich auch nach erfolgreicher Zertifizierung stetig weiter zu verbessern. Mehr als 90 Prozent aller MSC-zertifizierten Fischereien weltweit erhalten solche Auflagen.

Die Nordsee-Krabbenfischerei bekam bei ihrer MSC-Zertifizierung im Jahr 2017 sieben Auflagen. Sie betrafen unter anderem Fangbegrenzungen, den Schutz empfindlicher Lebensräume, bessere Datenerhebung, unabhängige Kontrollen und strengere Sanktionen. 2024 hatten die Krabbenfischerei alle Auflagen erfüllt.

Heute ist die Fischerei ohne weitere Verbesserungsauflagen zertifiziert – ein bemerkenswerter Schritt.

Shrimp_vessel_female_fisherwoman_Liesbeth_de_Haan

Holländischer Krabbenkutter

Weniger Druck auf den Bestand

Besonders viel getan wurde für den langfristigen Erhalt des Krabbenbestandes.

  • Die Maschenweiten der Netze wurden schrittweise vergrößert, um weniger kleine Krabben zu fangen, die noch nicht ihre optimale Größe erreicht hatten.
  • Fangzeiten wurden reduziert.
  • Wochenendschließungen, Winterpausen und Stillstandzeiten wurden eingeführt.

Besonders spannend: Die Fischerei arbeitet inzwischen mit einem datenbasierten Frühwarnsystem. Entscheidend ist dabei der sogenannte „Einheitsfang“, also wie viele Krabben pro Stunde auf See gefangen werden. Sinkt dieser Wert zu stark, ist diese ein Indiz für eine rückläufige Bestandsgröße und es greifen dann automatisch Schutzmaßnahmen wie die Verkürzung der zugelassenen Stunden auf See.

Gesunde Bestandsgröße

Nordseekrabbenfischerei-Bestandsgroesse

Der Nordseekrabbenbestand hat eine gesunde Größe, die jedoch natürlichen Schwankungen unterliegen kann. Durch Maßnahmen wie der sofortigen Verkürzung der Fangzeiten bei rückläufiger Bestandsgröße oder der Vergrößerung der Netzmaschen, um keine Jungkrabben mitzufangen, stellen die zertifizierten Fischer sicher, dass der Bestand seine gesunde Größe auch in Zukunft behält.

Forschung direkt auf See

Die Fischerei arbeitete eng mit Forschungseinrichtungen wie der Universität Hamburg, dem Thünen-Institut, DTU Aqua und Wageningen Marine Research zusammen.

Gemeinsam wurde untersucht:

  • wie größere Maschenweiten wirken,
  • wie sich Beifang reduzieren lässt,
  • wie Netze selektiver werden,
  • und wie sich die Fischerei auf den Meeresboden auswirkt.

Auswirkungen auf den Meeresboden

Nordseekrabbenfischerei-Bestandsgroesse

Im Thünen-Institut Forschungsprojekt „CRANImpact“ wurde über mehrere Jahre analysiert, wie sich die Krabbenfischerei auf den Lebensraum am Meeresboden – auswirkt. Das Ergebnis zeigte: Die biologische Vielfalt in befischten Gebieten unterschied sich nicht signifikant von unbefischten Gebieten. Zwar gibt es durch die Krabbenfischerei kurzfristige Auswirkungen auf den Boden, doch die am Boden lebenden Organismen sind an natürliche Veränderungen angepasst und regenerieren sich vergleichsweise schnell.

Auswirkungen auf den Meeresboden

Im Thünen-Institut Forschungsprojekt „CRANImpact“ wurde über mehrere Jahre analysiert, wie sich die Krabbenfischerei auf benthische Lebensräume – also den Lebensraum am Meeresboden – auswirkt.

Das Ergebnis zeigte: In befischten Gebieten unterschied sich die biologische Vielfalt nicht signifikant von unbefischten Bereichen. Zwar gibt es kurzfristige Auswirkungen auf den Boden, doch die dort lebenden Organismen sind an natürliche Veränderungen angepasst und regenerieren sich vergleichsweise schnell.

Cod-end net of German MSC certified brown shrimp fishery

Baumkurre eines Krabbenkutters

Mehr Transparenz auf See

Auch bei Kontrollen und Datenerhebung hat sich viel getan.

Deutschland, die Niederlande und Dänemark nutzen heute ein gemeinsames System zur Datenerfassung. Fangdaten werden elektronisch dokumentiert, Positionsdaten der Schiffe harmonisiert ausgewertet und Karten der Befischungsintensität regelmäßig erstellt.

Dadurch lässt sich heute genauer nachvollziehen:

  • wo gefischt wird,
  • wie intensiv gefischt wird,
  • und ob vom Fischfang ausgenommene Zonen eingehalten werden.

Während des gesamten Zertifizierungszeitraums wurden keine systematischen Verstöße gegen Sperrgebiete festgestellt. Zusätzlich wurden unabhängige Kontrollen massiv ausgebaut. Externe Prüfer kontrollieren inzwischen regelmäßig Schiffe, Siebanlagen und Produzentenorganisationen. Verstöße werden dokumentiert und sanktioniert – bei Wiederholungen deutlich strenger als früher.

Mehr Schutz für gefährdete Arten

Früher fehlten oft einheitliche Daten darüber, wo und wie häufig bestimmte Arten als Beifang auftreten. Heute arbeiten die drei Fangnationen mit gemeinsamen Standards und Datenerhebungsmethoden, die Forschern dabei helfen, Verbreitungsmuster von geschützten und gefährdeten Arten besser zu verstehen. Daraus lassen sich Maßnahmen ableiten, um diese besser zu schützen.

Die Auswertungen zeigen bislang: Interaktionen mit gefährdeten Arten sind in der Krabbenfischerei selten und begrenzt.

Seagulls following brown shrimp vessel

Die Sache mit dem Beifang

Ein häufig genannter Kritikpunkt an der Krabbenfischerei ist der Beifang. Tatsächlich gelangen aufgrund der vergleichsweise kleinen Maschen mehr ungewollte Fänge ins Netz als in manchen anderen Fischereien. Für die Bewertung einer Fischerei ist jedoch nicht allein entscheidend, wie viel Beifang anfällt, sondern welche Auswirkungen dieser auf die betroffenen Arten und Ökosysteme hat.

Deshalb arbeitet der MSC-Standard nicht mit festen Grenzwerten für Beifang. Stattdessen wird jede Fischerei individuell bewertet. Die zertifizierten Krabbenfischer verwenden sogenannte Siebnetze mit integrierten „Fluchtschleusen“, damit Fische, die ungewollt im Netz landen, wieder herausschwimmen können. Der Beifang der dennoch im Netz bleibt wird an Bord mit Wasser gespült, aussortiert und lebend zurück ins Meer gegeben. Die Auswirkungen der Fischerei auf die Bestände der betroffenen Beifangarten werden im Rahmen der MSC-Zertifizierung regelmäßig untersucht.

Ein Beispiel ist die Scholle: In der Krabbenfischerei werden saisonal viele junge Schollen beigefangen. Die wissenschaftlichen Bewertungen zeigen jedoch, dass sich der Schollenbestand in einem guten Zustand befindet. Entscheidend ist also nicht die Menge des Beifangs allein, sondern ob die Fischerei langfristig negative Auswirkungen auf die betroffenen Populationen hat.

Nordseekrabbenfischerei-Fluchtschleuse

Die Krabbenfischer verwenden Netze mit integrierten „Fluchtschleusen“, damit Fische, die im Netz landen, herausschwimmen können

Internationale Zusammenarbeit statt Einzelinteressen

Vielleicht die größte Veränderung liegt aber im Management selbst.

Früher arbeiteten viele Akteure eher nebeneinander. Heute gibt es ein gemeinsames internationales Managementsystem mit festen Entscheidungsstrukturen.

Deutschland, die Niederlande und Dänemark koordinieren ihre Maßnahmen inzwischen gemeinsam, von Fangbegrenzungen über Forschung bis hin zu Sanktionen und Marktfragen.

Nachhaltigkeit braucht Entwicklung

Die Geschichte der Nordsee-Krabbenfischerei zeigt, wie Zertifizierungen wirken können: nicht als reines Label, sondern als Werkzeug für konkrete Veränderungen.

Die Fischerei von heute arbeitet kontrollierter, datenbasierter und transparenter als noch vor wenigen Jahren. Viele Maßnahmen wären ohne die klaren Anforderungen der Zertifizierungsauflagen vermutlich nie in dieser Konsequenz umgesetzt worden.

Die wichtigste Erkenntnis dabei: Nachhaltigkeit entsteht nicht durch Stillstand. Sondern durch die Bereitschaft, sich immer weiter zu verbessern.